Feuerwehrfrau Jennifer Scott aus Sögeln: „Ich traue mir das zu“

Anfang Januar haben die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Sögeln die 23-jährige Jennifer Scott als neue stellvertretende Ortsbrandmeisterin gewählt. Was das für sie bedeutet, was sie verändern will und warum die Feuerwehr mehr Frauen braucht, hat sie im Interview mit unserer Redaktion erzählt.

In der Stadtratssitzung am 28. März soll die Wahl von Jennifer Scott zur stellvertretenden Ortsbrandmeisterin bestätigt werden. Sie wäre dann die erste Frau in Bramsche, die innerhalb der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt eine Führungsposition einnimmt.

Frau Scott, die Freiwillige Feuerwehr ist auch heutzutage noch ein eher ungewöhnliches Hobby für junge Frauen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Mein Vater ist in der Feuerwehr, meine älteren Brüder auch, und irgendwann wollte mein kleiner Bruder in die Jugendfeuerwehr. Er war aber noch zu jung dafür. Da dachte ich, ich probiere es auch mal. Mit zehn Jahren fing alles an. Inzwischen ist das 13 Jahre her.

Da ist mehr als Ihr halbes Leben. Trotzdem sind Sie mit 23 Jahren noch recht jung und haben als stellvertretende Ortsbrandmeisterin in Sögeln nun eine sehr verantwortungsvolle Position.

Ja, ich versuche da reinzuwachsen.

War es schon länger Ihr Wunsch auch Führungsverantwortung zu übernehmen?

Seit etwa einem dreiviertel Jahr hat mich der Ortsbrandmeister in Sögeln, Heiko Schäfer, immer mal wieder gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, seine Stellvertreterin zu werden. Als ich länger darüber nachgedacht habe, wollte ich es auch gerne machen. Ich traue es mir zu.

Welche Voraussetzungen müssen Feuerwehrleute für dieses Amt erfüllen?

Innerhalb von zwei Jahren nachdem ich gewählt wurde, muss ich den Truppführerlehrgang und den Gruppenführerlehrgang absolviert haben. Den Truppführerlehrgang habe ich nächste Woche.

Sie sind in Ihr neues Amt einstimmig gewählt worden. Was bedeutet Ihnen das?

Das hat mich sehr gefreut, denn es bedeutet ja, dass die ganze Feuerwehr hinter mir steht. Das stärkt auch mein Selbstbewusstsein. So weiß ich, dass ich niemanden mehr von mir überzeugen muss, sondern alle wissen, dass sie sich auf mich verlassen können.

Ihr Vater und Ihre Brüder sind ebenfalls aktive Feuerwehrmänner in Sögeln. Wie finden die das, wenn Sie Ihnen demnächst sagen, was sie zu tun haben?

Die finden das gut. Ich habe zwei ältere und einen jüngeren Bruder, und alle stehen hinter mir. Meine Brüder und mein Vater haben ja ebenfalls wichtige Positionen in der Truppe, weil sie Atemschutzgeräteträger sind. Deshalb könnten sie den Posten ohnehin nicht übernehmen.

Bis auf Ihre Mutter gehört also die ganze Familie zur Feuerwehr. Wie läuft das denn beim Mittagessen, wenn ein Notruf reinkommt. Sitzt Mama dann alleine da?

Früher ist das tatsächlich vorgekommen, aber inzwischen wohne ich nicht mehr zu Hause. Mama hat uns aber immer unterstützt, weil wir in der Feuerwehr anderen helfen.

Sie sind Heilerziehungspflegerin. Hilft Ihnen die Ausbildung bei den Einsätzen weiter?

Ja, ich kann dadurch schneller eine Verbindung zu fremden Menschen aufbauen, um ihnen zu helfen, zum Beispiel Verletzten nach einem Unfall. Ich habe außerdem meinen Ekel vor Blut oder anderen Körperflüssigkeiten abgelegt. Das ist auch sehr hilfreich (lacht).

Hatten Sie schon mal einen Einsatz, der Ihnen richtig nah gegangen ist?

Klar, das sind zum Beispiel immer Einsätze, bei denen Kinder beteiligt sind. Vor etwa anderthalb Jahren erhielten wir nur das Stichwort „Vermisstes Kind“. Da hat man natürlich sofort Angst, dass etwas Schreckliches passiert ist. Glücklicherweise hatte sich das Kind aber nur verlaufen.

Wie gehen Sie nach einem Einsatz mit dem Geschehenen um?

Es ist eine ungeschriebene Regel bei uns, dass man im Auto bleiben oder die Straße absperren darf, wenn einen die Situation überfordert. Jeder kann seine eigenen Grenzen festlegen, und die werden auch von allen respektiert. Die Älteren übernehmen häufig sehr heikle Situationen, weil sie schon mehr Erfahrung haben und besser damit umgehen können. Man muss sich selber schützen und dann kommt man eigentlich auch ganz gut klar. Es bringt ja nichts, sich in eine Aufgabe zu quälen und dann ein Leben lang darunter zu leiden, weil man es nicht verarbeiten kann.

Hatten Sie schon mal richtig Angst bei einem Einsatz?

Angst habe ich eigentlich immer, wenn meine Brüder ins Feuer müssen. Ich helfe ihnen meistens beim Ausrüsten. Ich hoffe dann, dass sie gesund wieder rauskommen. Das ist ja auch nicht ohne, ein brennendes Haus kann einstürzen oder die Flammen können um sich schlagen.

Gehen Sie auch ins Feuer?

Nein, ich habe auch gar nicht die Ausbildung dafür. Mein Papa hat gesagt, dass seine einzige Tochter nicht ins Feuer geht (lacht). Ich übernehme dafür dann die Koordinierung oder das Ausrüsten der Einsatzkräfte. Das liegt mir mehr.

Haben Sie schon Pläne für Veränderungen, die Sie innerhalb der Feuerwehr Sögeln umsetzen möchten?

Ich habe schon beim Dienstplan Anfang des Jahres mitgeholfen, und da haben wir schon einiges verändert. Ich habe da einige Ideen und Vorschläge, was wir anders machen könnten. Aber das wird alles langsam kommen, ich muss ja erstmal in mein neues Amt reinwachsen und alles lernen.

Als sehr junge Frau mit Führungsposition in einer Männerdomäne haben Sie es sicher auch nicht immer leicht, oder?

In meiner Feuerwehr stehen alle hinter mir und haben kein Problem damit. Man merkt aber auch, dass immer mehr Frauen in die Feuerwehren kommen und es deshalb selbstverständlicher wird. Früher war es aber ein heikles Thema, dass überhaupt Frauen in der Feuerwehr sind.

Würden Sie sich mehr Frauen in der Feuerwehr wünschen?

Mehr ist immer gut. Es wäre schön, wenn wir vor allem junge Mädchen dafür gewinnen könnten. Die Feuerwehr ist wirklich ein tolles Hobby und auch für Mädchen interessant. Da steht Teamarbeit im Mittelpunkt, und sie können sich ehrenamtlich für andere Menschen einsetzen. Mit meiner neuen Position versuche ich da natürlich auch ein Vorbild zu sein und darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht nur schweißtreibende Männerarbeit ist, sondern auch wirklich Spaß macht.

Wie ist es in der Jugendfeuerwehr, kommen da mehr Mädchen?

Ich bin nebenbei auch Betreuerin dort. Deshalb weiß ich, dass insgesamt 25 Kinder dieses Jahr aufgenommen wurden, davon sind vier Mädchen. Das Problem ist, dass die zehnjährigen Mädchen nicht allein bei den Jungs mitmachen wollen, sondern nur zusammen mit anderen Mädchen. Von Jahr zu Jahr werden es aber mehr, sodass wir das Problem irgendwann nicht mehr haben. Es spricht sich offenbar unter den Mädchen herum, dass es sehr viel Spaß macht.

Unterscheiden sich Feuerwehrfrauen von Feuerwehrmännern in ihrer Arbeit?

Ja, schon ein bisschen. Frauen sind zum Beispiel kreativer was die Dienstgestaltung angeht. Da haben die Männer oft gesagt, dass sie auf so eine Idee gar nicht gekommen wären. Von daher bringen Frauen schon frischen Wind in die Feuerwehren.

Demnächst muss Ihre Wahl noch im Stadtrat bestätigt werden. Mit welchem Gefühl schauen Sie auf die Wahl?

Ich bin schon aufgeregt. Viele kenne ich zwar, aber nur vom Sehen. Es ist schon ein mulmiges Gefühl, weil ich nicht so genau weiß, was auf mich zukommt.

Gibt es Dinge, die Sie gerne verändern würden?

Das Feuerwehrhaus in Sögeln ist leider nicht mehr das Neuste. Wir werden es zwar in nächster Zeit nicht umbauen können, aber wir wollen es modernisieren mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben. Auch mehr Lehrgänge für unsere Mitglieder wären schön. Wir sind eine kleine Feuerwehr und stehen da häufig hintenan. Deshalb möchte ich versuchen, dass gerade die jungen Kollegen mehr Lehrgänge absolvieren und sich fortbilden können. Außerdem würde ich gerne mehr auf die Feuerwehr aufmerksam machen, damit wir mehr Mitglieder bekommen. Im Moment sind es 16 oder 17 aktive und ein paar, die zur Altersabteilung gehören. Das ist noch ausbaufähig.

Den ganzen Artikel finden Sie online auf der Seite der Bramscher Nachrichten. Das Interview führte Eva Voß.

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